Schnelles und langsames Denken /1: System 1 und 2

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Teil 1 meiner Notizen zu Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ 1 behandelt seine Beschreibung der sog. Systeme 1 und 2.


Die beiden Begriffe System 1 und System 2 sind nur kurze und griffige Namen. Sie sind keine Systeme im klassischen Sinne, die sich irgendwo tatsächlich als abgegrenzte Gebilde im menschlichen Verstand bzw. Geist oder gar im Gehirn wiederfinden bzw. identifizieren lassen könnten.

Kahneman definiert die beiden Systeme auf Seite 27 wie folgt:

  • System 1 arbeitet automatisch und schnell, weitgehend mühelos und ohne willentliche Steuerung.
  • System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Aktivitäten, die auf sie angewiesen sind. [...] Die Operationen von System 2 gehen oftmals mit dem subjektiven Erleben von Handlungsmacht, Entscheidungsfreiheit und Konzentration einher.

System 1 entspricht dem schnellen Denken, System 2 ist zuständig für das langsame Denken, mit dem wir unser Selbst identifizieren, das wir meinen, wenn wir über Denken, Überzeugungen, Entscheidungen, Kontrolle von Denken und Handeln sprechen.

In System 1 entstehen spontan die Eindrücke, Intuitionen, Absichten und Gefühle, die als Vorschläge die Hauptquellen unserer expliziten Überzeugungen und bewussten Entscheidungen von System 2 sind. Wenn das von System 1 gelieferte Rohmaterial von System 2 unterstützt wird, wird es zu Überzeugungen, und aus Impulsen folgen ggf. Handlungen. In System 1 entstehen erstaunlich komplexe Muster von Vorstellungen, aber nur System 2 kann Gedanken in einer geordneten Folge von Schritten konstruieren.

Beispiele für Aktivitäten, die von System 1 gesteuert werden, finden sich auf Seite 28, Seite 29 listet entsprechende Aktivitäten auf, für die System 2 zuständig ist.

Zusammenwirken der Systeme

Wann wird System 2 aktiviert?

  • Wenn System 1 in Schwierigkeiten gerät
  • Wenn eine Frage auftaucht, für die System 1 keine Antwort weiß
  • Wenn etwas überraschendes, nicht vorhergesehenes, nicht erwartetes geschieht
  • Wenn ein Ereignis registriert wird, das gegen das Weltmodell von System 1 verstößt

Überwachung und Kontrolle durch System 2

System 1 unterliegt Täuschungen, Illusionen und kognitiven Verzerrungen, arbeitet automatisch und unabhängig von System 2 und kann überdies nicht abgeschaltet werden. Selbst wenn es System 2 besser weiß, bedeutet es immer eine Anstrengung, die unwillkürlich und anstrengungslos von System 1 gelieferte Anschauung zu verwerfen und sich für die bewusste Perspektive von System 2 zu entscheiden.

Man kann bestenfalls lernen, Situationen zu erkennen, in denen Fehler von System 1 wahrscheinlicher sind, um sich dann stärker darum zu bemühen, weitreichende Fehler zu vermeiden. Die Fehler von anderen Menschen erkennt man leichter als die eigenen.

System 1

Was unterscheidet System 1 von System 2?

  • System 1 arbeitet automatisch und anstrengungslos
  • System 1 repräsentiert auch das Gedächtnis
  • System 1 erkennt einfache Beziehungen
  • System 1 kann Informationen über einen Gegenstand zusammenführen
  • System 1 arbeitet assoziativ sehr gut: es ist geradezu eine „Assoziationsmaschine“
  • System 1 kennt keine Zweifel, indem es Ambiguität unterdrückt und kohärente Geschichten konstruiert

System 1 als Assoziationsmaschine

  • Reaktionszeit: ca. 1 Sekunde
  • Assoziative Aktivierung
  • Aktivitätskaskade: Vorstellungen, die aktiviert wurden, lösen andere Vorstellungen aus
  • Kohärenz: jedes mentale Ereignis („Vorstellungen“) in der Kaskade stützt und stärkt die anderen
  • Kohärenz erzeugt ein sich selbst verstärkendes Muster kognitiver und körperlicher Reaktionen, das sowohl vielfältig als auch integriert ist („assoziativ kohärent“)
  • Vorstellungen: konkret oder abstrakt; werden als Verb, Substantiv, Adjektiv oder körperlicher Akt zum Ausdruck gebracht
  • Vorstellungen sind durch Verknüpfungen miteinander verbunden:
    • Ursache – Wirkung
    • Eigenschaften von Vorstellungen
    • Kategorien, zu denen die verschiedenen Vorstellungen gehören
  • Der größte Teil der Arbeit des assoziativen Denkens vollzieht sich unterhalb der Schwelle des Bewusstseins.

System 1 interpretiert Sätze, indem es versucht, sie als wahr hinzustellen, und die selektive Aktivierung (siehe auch: Aktivitätskaskade) erzeugt eine Reihe systematischer Fehler, die uns leichtgläubig und anfällig dafür machen, unseren Überzeugungen allzu sehr zu vertrauen.“ (S.150 - 151)

Eigene Gedanken dazu:

Ein ehemaliger Kollege, nennen wir ihn X, gewann in Diskussionen und Meetings scheinbar mit Leichtigkeit und schnell die Oberhand. Jeder Beitrag von ihm bestand aus einem Schwall von Sätzen und Argumenten, denen man nur sehr schwer folgen konnte; es war schwer, dagegen zu halten, obwohl mir intuitiv (meinem System 1) klar war, dass seine Argumentation nicht stimmen konnte.

These: Der Argumentationsschwall von X war vielleicht in der jeweils aktuellen Situation recht erfolgreich, weil mein System 1 versuchte, seine Argumente und Sätze als zunächst einmal wahr und zutreffend zu interpretieren, wobei das Glauben und für bare Münze nehmen sich leicht und einfach anfühlt, wenn es auf die entsprechenden kohärenten Muster in meinem Gedächtnis trifft.

Demgegenüber war es mit großer Anstrengung meines Systems 2 verbunden, jede einzelne Behauptung von X auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Das dauerte immer länger als X Zeit brauchte, um seine Sätze zu produzieren, sodass ich in der Situation immer ins Hintertreffen geriet.

Was schließlich half: Immer nachzufragen, was X genau damit meine und hartnäckig Erklärungen einzufordern, solange bis diese geliefert wurden. X wechselte dann meist das Thema, sobald ihm klar wurde, dass er so nichts mehr gewinnen konnte.

These: Durch mein hartnäckiges Nachfragen und mein Beharren auf Konkretisierung wurde System 2 in den Ring gerufen. Und das hat dann auch X ausgebremst, dessen System 1 offenbar mühelos Sätze produzieren konnte, dessen System 2 aber ihm genauso viel mentale Anstrengung und Aufmerksamtkeit erfordert hätte, sobald er auf mein Nachhaken eingegangen wäre, wie es mir abgefordert hat, seine Argumente zu hinterfragen.

Weltmodell, Normalität und subjektives Erleben

Seite 75:

System 1 liefert die Eindrücke, die oftmals zu unseren Überzeugungen werden, und es ist die Quelle der Impulse, die häufig unsere Entscheidungen und Handlungen bestimmen. Es stellt eine implizite Interpretation dessen bereit, was uns widerfährt und was um uns herum geschieht, wobei es die Gegenwart mit der jüngsten Vergangenheit und mit Erwartungen über die nahe Zukunft verknüpft. Es enthält das Weltmodell, das Ergebnisse sofort als normal oder überraschend bewertet. Es ist die Quelle unserer raschen und oftmals präzisen intuitiven Urteile. Und das meiste davon tut es, ohne das wir uns seiner Aktivitäten bewusst wären.“

Seite 91:

„Die hauptsächliche Funktion von System 1 besteht darin, ein Modell unserer persönlichen Welt, in dem das repräsentiert ist, was normal in unserer Welt ist, aufrechtzuerhalten und zu aktualisieren.“

  • Assoziationen verbinden Vorstellungen mit Situationen, Ereignissen, Handlungen und Ergebnissen, wenn diese mit einer gewissen Regelmäßigkeit gemeinsam auftreten. Das Geflecht aus diesen Verbindungen definiert das, was wir „Normalität“ nennen.
  • Wenn etwas eintritt, das gemäß unserem Weltmodell nicht normal ist, sind wir überrascht.
  • Wir sind auch überrascht, wenn etwas Erwartetes, auf das wir aktiv warten, nicht eintritt.
  • Ereignet sich dasselbe, zunächst überraschende Ereignis, mehrmals, passen wir unser Weltmodell an und sind zukünftig nicht mehr überrascht, wenn dieses Ereignis eintritt.
  • Anomalien werden sehr schnell vom System 1 als solche erkannt (< 0,2 Sekunden)

Dem gegenüber steht das subjektive Erleben (S. 74):

„Das subjektive Erleben besteht größtenteils aus der Geschichte, die sich das System 2 über das erzählt, was vor sich geht.“

System 2

System 2 verfügt nur über eine begrenzte Kapazität an mentaler Energie, die zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügbar ist. Wenn die gesamte verfügbare Kapazität nicht für alle anstehenden Aufgaben ausreicht, wird die Kapazität zunächst an die wichtigste Aufgabe zugeteilt; was davon übrig bleibt (wenn überhaupt etwas übrig bleibt) wird dann auf die anderen weniger priorisierten Aufgaben reihum verteilt. Alle Spielarten willentlicher Anstrengung – kognitiv, emotional, physisch – schöpfen zumindest teilweise aus einem gemeinsamen Pool mentaler Energie. Die mentale Belastung zeigt sich auch körperlich durch Absinken des Blutzuckerspiegel; die Wirkung der mentalen Belastung kann durch Glukosezufuhr gemildert werden.

Die Zuteilung der Kapazität an einzelne Aufgaben geschieht in der Währung „Aufmerksamkeit“: Etwas beansprucht unsere gesamte Aufmerksamkeit oder nur geringe Aufmerksamkeit.

Arousal = körperlicher Aktivierungszustand, der mit der mentalen Anstrengung verbunden ist

Was kann System 2, was System 1 nicht kann?

  • Mehrere Vorstellungen, die verschiedene Handlungen erfordern oder die gemäß einer Regel kombiniert werden müssen, im Gedächtnis halten
  • Regeln befolgen
  • Objekte in Bezug auf mehrere Merkmale vergleichen (System 1 kann nur in Bezug auf jeweils ein Merkmal vergleichen)
  • Auswahl aus einer von mehreren Optionen wohlüberlegt treffen
  • Mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen
  • Mit statistischen Informationen etwas anfangen
  • Zweifeln, weil es gleichzeitig eigentlich inkompatible Möglichkeiten aufrechterhalten (zwischenspeichern) und betrachten kann

Task Sets

  • „Task Sets“ sind kognitive Zustände der optimalen Aufgabenvorbereitung
  • System 2 kann das Gedächtnis (= System 1) so programmieren, dass es einer Anweisung gehorcht, die die üblichen Reaktionen außer Kraft setzt. Beispiel: Anzahl der Wörter auf einer Buchseite zählen.
  • Der Wechsel zwischen Task Sets ist anstrengend.
  • Hat man mehr Übung mit einer Aufgabe, ist die Anstrengung geringer, dasselbe gilt für besonders talentierte Menschen.
  • Auch Zeitdruck steigert die notwendigen Anstrengungen.
  • Wegen der Flüchtigkeit des Arbeitsgedächtnisses, zwingt jede Aufgabe, die es erfordert, mehrere Gedanken gleichzeitig im Sinn zu behalten, zu schnellem Handeln, setzt also unter Zeitdruck und ist deshalb anstrengend: „Die anstrengendsten Formen langsamen Denkens sind diejenigen, die von Ihnen verlangen, schnell zu denken.“ (S.48-49)

Selbstkontrolle vs kognitive Anstrengung

Selbstkontrolle (bewusste Aufmerksamkeitssteuerung) und bewusstes Denken bzw. kognitive Anstrengung sind verschiedene Formen mentaler Arbeit und verwenden die gleiche begrenzte Kapazität mentaler Arbeitskraft (= Energie).

Menschen, die kognitiv ausgelastet sind,

  • sind anfälliger für Versuchungen,
  • treffen eher egoistische Entscheidungen,
  • verwenden sexistische Ausdrücke und
  • fällen in sozialen Situationen eher oberflächliche Urteile.

(S.52)

Normalerweise ist Selbstkontrolle dafür erforderlich, sich selbst dazu zu bringen, kontinuierlich für einen längerem Zeitraum geistig zu arbeiten. Im sog. Flow ist das anders: Flow ist die mühelose geistige Versenkung über einen längeren Zeitraum, ein „Zustand der mühelosen Konzentration, der so tief ist, dass man das Gefühl für die Zeit, für sich selbst und für eigene Probleme verliert“. Im Flow muss keine Energie an die Selbstkontrolle bzw. Steuerung der Aufmerksamkeit verschwendet werden.

Selbsterschöpfung:

Selbstkontrolle erfordert Aufmerksamkeit und Anstrengung, Selbstkontrolle ist erschöpfend und unangenehm. Im Unterschied zur mentalen oder kognitiven Auslastung (irgendwann geht einfach nicht mehr), kann man sich bei Selbsterschöpfung (oder Ego-Depletion) ihren Wirkungen entziehen, wenn es dafür einen starken Anreiz gibt.

Intelligenz vs Rationalität

Das System 2 ist faul und übernimmt oft Urteile von System 1, auch wenn sie mit ein wenig Anstrengung als nicht zutreffend identifiziert werden könnten. Selbst sehr intelligenten Menschen unterlaufen dann sehr häufig Fehler, die sie leicht hätten verhindern können. - Das bestätigt meine schon länger gehegte Vermutung, dass es oft nicht der Mangel an Intelligenz – das mangelnde Können – sondern das mangelnde Wollen, die mentale Faulheit ist, die Menschen unreflektiert durchs Leben gehen lässt.

Gemäß Kahneman unterscheidet Keith Stanovich in Rationality and the reflective Mind 2 zwei Teile von System 2:

  1. Das algorithmische Denkvermögen befasst sich mit langsamem Denken und anspruchsvollen Berechnungen.
  2. Die Rationalität dient der Reflektion und der Überprüfung der von System 1 gelieferten Vorurteile bzw. Ergebnisse.

Stanovich unterscheidet also Rationalität von Intelligenz. Die traditionellen Methoden zur Messung der Intelligenz (IQ) sagen wenig aus über den Grad der Rationalität, zu der ein Mensch fähig ist.


  1. Kahneman, D., & Schmidt, T. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. München: Siedler Verlag. 

  2. Stanovich, K. (2011). Rationality and the Reflective Mind. New York: OUP USA.